Corona


Nie hätte ich gedacht, dass dieses Wort so ein ungeahntes Ausmaß annehmen wird, als ich es im Januar zum ersten Mal in den Nachrichten gehört habe. Und nie hätte ich geahnt, dass es mein Leben so beeinflussen und einschneidend verändern würde.


Heute erlebe ich den 2. Tag der Ausgangsbeschränkung in Bayern. Eine Entscheidung von Markus Söder, die ich absolut angebracht und richtig finde. Dennoch ist die Umsetzung für mich gerade schwieriger, als ich je dachte.


In diesen Tagen wird einem plötzlich so tief bewusst, wie wichtig es ist, dass du Menschen um dich herum hast, denen du in die Augen blicken kannst. Die dich anlächeln und die dich in den Arm nehmen, unabhängig davon, ob es sich dabei um die eigene Familie, gute Freunde oder den Partner handelt. Mir fehlt der persönliche Austausch mit den Menschen, die ich liebe und die ich gerne mag. Und ich habe Angst davor, dass dieser Zustand noch viel länger andauern muss, als es sich im Moment gerade abzeichnet. Ich mache mir Sorgen um meine Eltern, die 100 km entfernt wohnen, die auf die 80 zugehen und nicht nur durch ihr Alter, sondern auch Vorerkrankungen zu den Risikopatienten zählen. Meine ganze Familie lebt ein gutes Stück entfernt und ich kann sie – obwohl ich es gerade so gerne würde – nicht sehen und vor allem nicht in den Arm nehmen.


Auf der anderen Seite erlebe ich gerade auch so viel Nähe und Intensität zu Menschen, die gerade nicht bei mir sind. Eigentlich mag ich überhaupt keine Videonachrichten von mir. Das können andere weitaus besser. Aber ich stelle fest, dass es darauf im Moment gar nicht ankommt. Es geht nicht um gut oder schlecht, sondern es geht darum, den Menschen, die einem etwas bedeuten zu zeigen, dass man an sie denkt. Dass man den anderen sprechen hört und sieht und seine Mimik und Gestik wahrnimmt. Auch wenn man sie gerade nicht anfassen kann und sie nicht sieht. Ich telefoniere viel mit meinen Freunden und meiner Familie. Die Gespräche gewinnen wieder mehr Bedeutung.


Die Bewohner in meinem Haus wachsen gerade vielmehr zusammen als je zuvor. Meine Nachbarn von oben spielen seit 2 Tagen immer um 18 Uhr zwei Stücke durch das geöffnete Wohnzimmerfenster und singen dazu. Für meine beiden älteren Nachbarinnen im ersten Stock gibt es einen Einkaufsservice. Wir haben in unserem Haus unsere Handynummern an die Eingangstüre gepinnt, weil wir uns gegenseitig unterstützen möchten, wenn jemand etwas braucht. Wir haben eine Whatsapp-Gruppe, in der wir uns austauschen. Hätte es das ohne Corona gegeben? Ich kann es nicht beantworten. Vermutlich hätte zumindest das Vernetzen mit allen weitaus länger gedauert. In diesem ganzen alleine sein und manchmal auch fühlen tut genau das gut. Das Gefühl, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Die einen zu zweit oder mehreren mit ihrer Familie und ich alleine in meiner Wohnung.

Seit einer Woche arbeite ich im Homeoffice. Auch das fühlt sich plötzlich ganz anders an. Ich merke, dass es einen großen Unterschied macht, ob man etwas „darf“ oder etwas „muss“. Trotzdem weiß ich, dass es ein großes Privileg ist, dass ich in der jetzigen Situation zumindest in meinem Hauptjob noch ungehindert arbeiten kann, während viele Existenzen gerade auf der Kippe stehen.


Auch wenn die Gefühlswelt eines jeden vermutlich gerade mehr als oft schwankt, wünsche ich mir, dass wir uns diese Sensibilität, die wir in diesen Tagen und Wochen spüren, auch für die Zeit danach bewahren. Die meisten von uns haben ihre Zeit bislang auf der Sonnenseite des Lebens verbracht. Unsere Eltern haben den Krieg hautnah miterlebt. Mir wird erst jetzt so richtig bewusst, dass auch in der Zeit nach dem Kriegsende nicht von heute auf morgen wieder alles gut war.


Auch nach Corona wird es dauern, bis man diese Ereignisse verarbeitet hat. Und im Moment geht es zumindest bei uns eigentlich nur darum, zuhause zu bleiben. Und sich darüber bewusst zu werden, wie viele Menschen es gibt, die man liebt, mag und vermisst.

Ich freue mich darauf, wenn ich genau diese Menschen wieder ansehen kann… und sie aus tiefstem Herzen anlächeln und umarmen darf <3

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